Die Nordkurve

Am 12. November erblickte ich im Tierkreiszeichen des Skorpions das Licht der Welt. Mönchengladbach ist zwar nicht Paris, New York oder Mailand, glänzt aber mit einer großen Fußballgeschichte. Die Nordkurve am Bökelberg war mir ganz besonders vertraut, denn ich wohnte direkt nebenan und als Teenager verbrachte ich mit meinen älteren Cousins die Wochenenden meist im Stadion und kannte mich im Kicker-Sportmagazin besser aus als in der VOGUE. Das sollte sich nun ändern.

Erstmal wunde Füße

Wir schreiben den Sommer 1995. Ich war damals 15 Jahre alt, als mir ein Bekannter meiner Eltern einen Job als Model auf der Collection Premiere Düsseldorf (CPD) anbot. Dabei hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt, wie bereits erwähnt, mit Mode wenig am Hut. Statt Röcke und Make-up trug ich lieber Turnschuhe und Jeans. Nun ja, bis dahin. Denn kurze Zeit später hatte ich meinen ersten Modeljob bei einem spanischen Modelabel namens Cimarron, setzte auf der Messe mein schönstes Lächeln auf und trotz der wunden Füße freute ich mich am Ende des Tages auf einen dicken Batzen Taschengeld.

Sedcard – was ist das?

Mit den Worten „schick mir doch mal Deine Sedcard“ sprach mich ein durchgestylter Typ mit Kroko-Stiefeln an und drückte mir seine ebenfalls durchgestylte Visitenkarte in die Hand. „Ja, ja, mach ich“ entgegnete ich ihm ganz cool. Sedcard – was ist das denn? dachte ich mir und schenkte dem Ganzen keine weitere Beachtung. Statt weiterhin auf High Heels zu stehen, übte ich mich erstmal wieder in deren Verkauf.

Also doch High Heels

Knapp ein Jahr später klopfte das Schicksal erneut an meine Tür. Nachdem ich eifrig versuchte einer Kundin die neuesten Buffalo Plateaus anzudrehen, entpuppte sie sich als die Agentin einer damals renommierten Düsseldorfer Modelagentur. Nach nur wenigen Minuten war ich im Besitz ihrer Telefonnummer inkl. persönlicher Durchwahl und die Dinge nahmen ihren Lauf. Nach einigen Testfotos bekam ich meinen ersten offiziellen Job. Ich wurde für die kommende CARHARTT-Kampagne gebucht. Stolz wie Oscar, aber mit schlotternden Knien stieg ich in den Flieger nach Berlin. Dort angekommen erkannte ich den Ernst der Lage. Mutterseelenallein in einer Suite mit Kingsize Bett wünschte ich mir meinen Freund herbei und griff zum Hörer. Ich war so aufgeregt, dass ich die komplette Nacht am Telefon verbrachte (auf Kosten des Kunden natürlich) statt den obligatorischen Schönheitsschlaf einzuhalten. Am nächsten Morgen erkannte ich dann auch den Sinn und Zweck von Visagisten.

Paris – ich komme

Während meine Schulkollegen nach dem Abi über mögliche Studienplätze und NCs diskutierten, freute ich mich auf Paris, New York und Mailand. Mittlerweile wusste ich auch was eine Sedcard ist und hatte sogar ein Buch. Meine neue Münchner Agentur schickte mich zu Castings und Go- Sees quer durch Europa. So kam ich auch nach Paris zum großen WELLA Casting. Eigentlich ein Traum, wäre ich nur nicht die Nr. 178 gewesen. „Dann kann ich auch gleich wieder nach Hause fahren“, dachte ich mir, beim Anblick der hunderten von Mädchen. Aber es kam anders: „ICH bekam den Job“! Bis heute ziert mein Gesicht die weltweite WELLA Verpackung „Pure Blonde“, dem hellsten Blond unter den Blond Tönen.

Schwanger – na und?

Von nun an lief es richtig gut. Die Werbebranche hatte mich für sich entdeckt. Mercedes, Canon, Schwarzkopf, VW, HEINE, OTTO, & Co., Cover und Kampagnen Shootings, Modenschauen und Videodrehs gehörten nun zu meinem Alltag. Während ich vorher meine Model-Kolleginnen wie Nadja Auermann und Naomi Campbell auch nur aus TV und Zeitung kannte, durfte ich jetzt mit ihnen zusammen auf einem 300 Meter-Laufsteg vor 200.000 Zuschauern auf der Düsseldorfer Königsallee laufen. Ich hatte
mehrere Agenturen und verdiente mittlerweile mehr als nur Taschengeld. Eigentlich hätte es so weiter laufen können. Aber es kam anders: „Positiv“. So lautete das Ergebnis meines Schwangerschaftstestes.

C-Körbchen und Schnulleralarm

„Wie konnte das passieren?“ fragten mich meine Bookerin mit Entsetzen. Ich hingegen freute mich über mein üppiges Dekolleté und machte den Vorschlag, mich doch für die neue Wonderbra Kampagne anzubieten. Na ja, daraus wurde leider nichts. Es folgten neun aufregende Monate mit den Hauptnahrungsmitteln hartgekochte Eier und Wassereis. Im Juli 2003 brachte ich im Alter von 23 Jahren meinen Sohn zur Welt. Ich freue mich jeden Tag darüber, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Body in Shape

Bereits acht Wochen nach der Geburt war mein Body, dank eiserner Disziplin, wieder in Shape und ich wieder einsatzbereit. Mit Unterstützung meiner Familie konnte ich langsam wieder meinen Job aufnehmen. Fortan lief es besser denn je!

Germany’s Next Commercial Model

So ungefähr hätte mein Titel lauten können. Ich lief vielleicht nicht für Gucci und Prada in Paris über den Laufsteg, aber mein Gesicht zierte nun diverse Titelseiten und internationale Kampagnen. Und unter uns gesagt; das ist sogar noch viel besser, denn das meiste Geld ist einfach in der Werbung zu verdienen.

Und Jetzt?

Im Nach hinein kann ich sagen, dass ich wirklich Glück hatte im Leben. Auch wenn es Tage gab,  an denen es mir mein Herz zerriss meinen kleinen Sohn am Flughafen zu verabschieden, um zu irgendeinem Job zu fliegen. Aber ich war und bin mir bewusst dass es ein Privileg ist, in diesem Job schon so viele Jahre arbeiten zu können. Nach über 1000 Werbeproduktionen gehöre ich heute zu den führenden Werbegesichtern des Landes, und es macht mir immer noch „ Klick Klick“. Ich habe einen Gang zurückgeschaltet, aber ich liebe es nach wie vor, vor der Kamera zu stehen, nette Leute zu treffen und mein Wissen auch an junge Mädchen weiter zu geben. Dafür habe ich sogar einen Ratgeber geschrieben. Mittlerweile bin ich etwas älter und hoffentlich auch weiser geworden und muss nicht mehr jeden Job annehmen. Dafür ist meine alte Liebe zum Fussball wieder entflammt und ich habe wieder mehr Zeit ins Stadion zu gehen und meine Borussia anzufeuern, die es in den letzten Jahren endlich wieder in die oberen Tabellenregionen geschafft haben! Deweiteren habe ich begonnen einen Travel und Lifestyle Blog zu schreiben, denn ich liebe es zu reisen, ich liebe andere Länder und Mentalitäten und ich liebe das Meer.  Mein Deutsch Leistungskurs im Abitur macht so im Nachinein dann sogar auch noch Sinn.

Wenn man es schafft seine Leidenschaft zur Berufung zu machen, und andere Menschen dabei noch zu inspieren, kann man glücklicher garnicht sein!